Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Amen

Liebe Gemeinde,

sie waren mal Kollegen, das ist lange her. Sein Freund von damals hatte ihn überholt, hatte die besseren Noten geschrieben, den besseren Abschluss gemacht, die richtigeren Leute kennengelernt – sein Freund von damals hatte Karriere gemacht.

„Hey Junge“, hatte er gesagt, vor einiger Zeit, als sie sich zufällig einmal begegneten, „vergiss es. So weit wie ich, wirst du es nicht mehr bringen. Da wo ich jetzt bin, kommst du niemals hin.“ Er hatte noch gelächelt. Nicht freundlich, eher ein bisschen schadenfroh, von oben herab.

Solche Erfahrungen schmerzen. Situationen, in denen uns Menschen, die uns einmal nahe waren, signalisieren, dass wir für sie nichts wert sind, weil wir bestimmte Ziele nie erreichen werden. Situationen in denen wir uns klein fühlen. Zorn, Ohnmacht, Mutlosigkeit machen sich in uns breit.

Gefühle, die sich auch der Zuhörer in der Synagoge bemächtigt haben dürften, die dort erwartungsfroh zusammengekommen waren, um Jesus zu hören. Der große Jesus, der schon so vielen Menschen Gutes getan hatte, hatte bestimmt auch eine Hoffnungsbotschaft für sie.

Doch was der Evangelist Johannes berichtet, erfüllt – auf den ersten Blick – keine der Erwartungen:

Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Ich gehe hinweg, und ihr werdet mich suchen und in eurer Sünde sterben. Wo ich hingehe, da könnt ihr nicht hinkommen.
Da sprachen die Juden: Will er sich denn selbst töten, daß er sagt: Wohin ich gehe, da könnt ihr nicht hinkommen?
Und er sprach zu ihnen: Ihr seid von unten her, ich bin von oben her; ihr seid von dieser Welt, ich bin nicht von dieser Welt. Darum habe ich euch gesagt, daß ihr sterben werdet in euren Sünden; denn wenn ihr nicht glaubt, daß ich es bin, werdet ihr sterben in euren Sünden.
Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Und Jesus sprach zu ihnen: Zuerst das, was ich euch auch sage. Ich habe viel von euch zu reden und zu richten. Aber der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das rede ich zu der Welt.
Sie verstanden aber nicht, daß er zu ihnen vom Vater sprach.
Da sprach Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöhen werdet, dann werdet ihr erkennen, daß ich es bin und nichts von mir selber tue, sondern, wie mich der Vater gelehrt hat, so rede ich. Und der mich gesandt hat, ist mit mir. Er läßt mich nicht allein; denn ich tue allezeit, was ihm gefällt.
Als er das sagte, glaubten viele an ihn.

Weit, weit weg ist Jesus in diesem Bericht. „Wo ich hingehe, werdet ihr nicht hinkommen“, „ich bin von oben, ihr seid von unten“, „allezeit tue ich, was dem Vater gefällt“. Ein unerreichbacher Superheld, ein unfehlbarer Alleskönner, so stellt sich Jesus seinen Zuhörern dar. Und als wäre das nicht niederschmetternd genug, verheißt er ihnen den Sündentod als eine scheinbar unabwendbare Tatsache. Auf ihre Frage, wer er denn eigentlich sei, gibt er keine konkrete Antwort. In Luthers Worten verweist Jesus auf das was er bereits gesagt hat. In einer wörtlicheren Übersetzung jedoch wäre der Ton noch schärfer: „Was rede ich überhaupt noch mit euch?“, schleudert der Gefragte seinen Zuhörern da entgegen. Ein elendes Gefühl, wenn man für den anderen die Worte nicht wert ist, die er macht – und seien es Schimpfworte.

Gehen wir in die historische Situation unseres heutigen Predigttextes, lässt sich der scharfe Ton Jesu freilich erklären. Seine Zuhörer sind jüdischen Glaubens und zweifeln den Anspruch seiner Messianität an. Sie gehen ihrerseits wenig zimperlich mit Jesus um, fordern ihn heraus, wie er das denn nun beweisen wolle, mit seiner Messianität, und ob er nicht endlich mit der Gotteslästerung aufhören wolle. Auch die Todesstrafe für eine solche Anmaßung war zu diesem Zeitpunkt für einige Zuhörer bereits beschlossene Sache.

Auch als der Autor des Johannesevangeliums um das Jahr 100 nach Christus diesen Text verfasste, gab es zwischen Christen und Juden Spannungen. Es zeichnete sich ab, dass nicht alle, die einst jüdischen Glaubens waren, Jesus als den Messias anerkennen würden.

Das Christentum würde werden, zu was es eigentlich nicht bestimmt war: eine neue, eigene Religion. Für all jene, die auf die Einheit gehofft hatten, war diese Feststellung eine herbe Enttäuschung. Zudem war die neue Minderheitenreligion „Christentum“ bedroht, verfolgt zu werden oder in der Bedeutungslosigkeit zu versinken.

Aber gleichwohl wir dank der Forschung die Bibeltexte heutzutage in ihrem historischen Kontext verorten und dadurch besser verstehen können, so können wir sie doch nicht dorthin abschieben. Ich kann nicht an dieser Stelle sagen: „Wie schön, dass uns das alles nicht mehr betrifft“, mein Amen darunter setzen und fröhlich meiner Wege ziehen. Die Bibel überliefert historisch verortbare Worte, die aber über die Geschichte hinweg bleibende Gültigkeit besitzen, weil sie immer auch eine andere Botschaft, Gottes Wort, transportieren. Wir kommen also nicht umhin, uns zwischen Jesu Zuhörer in die Synagoge zu stellen und uns seine harschen, polemischen Worte sagen lassen zu müssen: „Wo ich hingehe, werdet ihr niemals hinkommen, weil ich von oben bin und ihr von unten. Ihr werdet in eurer Sünde sterben.“

Diese Kleinmacherei und die Betonung unserer Fehlbarkeit ist kaum auszuhalten, und doch müssen wir uns an diesem zweiten Sonntag der Passionszeit fragen, ob nicht auch ein wenig Wahrheit darin steckt. Die Sünde, von der Jesus hier spricht, ist die Unfähigkeit, Jesus als den Sohn Gottes zu erkennen und an ihn zu glauben.

Wieder und wieder beschreibt Jesus, was er damit meint. Dass er allein Gottes Willen tut und nicht aus menschlicher Willkür handelt. Dass alles, was er vollbringt, Gott in ihm vollbringt, und dass niemand sonst das Heil vermitteln kann, als er selbst. Wir hören das, wir wissen das, und dennoch hat es oftmals keine Konsequenzen. Wie oft denken wir nicht daran, was Jesus für uns getan hat, ja, denken wir nicht einmal an Jesus selbst. Wie oft vertrauen wir allen anderen mehr als unserem Gott, versprechen uns Heil aus Sport und Medizin, alternativer Ernährung oder weltlichen Gurus. Wie oft setzen wir auf unsere eigene Kraft und Macht, und blenden aus, dass diese doch stark von unserem Geld und der wirtschaftlichen Lage abhängen. Auch das ist Glaube: Woran ich mein Herz hänge. Und viel zu oft hängen wir unser Herz wider besseren Wissens an die falschen Götter.

Dennoch verletzen uns Jesu Worte, lassen uns zornig und traurig in der Menge der Zuhörer zurück. Denn wir gehören zu dem Teil der Zuhörerschaft, der nicht gekommen ist, um Jesus in die Falle zu locken und ihn zu hängen, sondern um von ihm zu lernen und Hoffnung zu schöpfen. Wir säßen nicht hier, wenn wir nicht all unserer Sündhaftigkeit zum Trotz den tiefen, aufrichtigen Wunsch in uns verspüren würden, glauben zu können. Und auch wenn wir zu unserem Glauben zwar aktiv beitragen können, indem wir uns genau überlegen, auf wen wir unser Vertrauen setzen, so ist dieser doch im Grunde unverfügbar für uns.

Wir können alles getan haben, um gläubige Christen zu sein, doch wenn uns Angst, Not und Zweifel anspringen, kann keiner dafür garantieren, dass es Gott ist, auf den er sich verlässt. Und es kann einer sein Leben lang von Christus nichts wissen wollen und dann doch in einem Moment von einer tiefen Glaubensüberzeugung erfüllt werden. Und überhaupt: seit wann ist Glauben messbar? Wer bestimmt eigentlich, wann man richtig und wann falsch, wann man mehr und wann weniger glaubt? Hinzu kommt, dass Glauben kein linearer Prozess, sondern ein lebendiges Geschehen ist, dass nie zum Ende kommt, sondern immer im Werden ist.

Es ist genau diese Unverfügbarkeit des Glaubens, die uns so zornig und traurig macht, wenn Jesu Rede uns derart von oben herab trifft. Denn um Glauben zu können, sind wir auf Jesu Hilfe angewiesen. Sicher haben wir es auch verdient, auf unsere Unzulänglichkeit angesprochen zu werden. Aber wenn wir trotz derer nicht auf Gottes Barmherzigkeit bauen können, wird es keinem von uns gelingen zu glauben, geschweige denn vor Gottes Urteil zu bestehen.

Hat Jesus das denn ganz vergessen? Ist er denn schon so abgehoben, dass er das aus dem Blick verloren hat?

Ganz und gar nicht: „Als er diese Dinge sagte, glaubten viele an ihn“, lautet der letzte Satz unseres Predigttextes. Wer aber könnte aus dieser Rede Jesu Glaubensstärke schöpfen, wenn nicht auch Menschen unter den Zuhörern gewesen wären, die hinter seinen Worten deren eigentliche Bedeutung vernommen hätten. Denn wie so oft sind auch diese Worte Jesu paradox. „Dort wo ich hingehe, werdet ihr nicht hinkommen“, sagt Jesus und wir sind vor den Kopf gestoßen, fühlen uns unzulänglich. Doch wenn wir schauen, wo Jesus eigentlich hingeht, müssen wir uns ernsthaft die Frage stellen, ob wir dahin überhaupt wollen. Jesu Weg führt nämlich nicht die Karriereleiter steil aufwärts, sondern zunächst einmal ganz tief hinunter. Hinein ins Leid, in die Schande und in den Tod. Die Botschaft, die er vom Vater in die Welt hineinredet, ist kein Exklusivwissen, sondern eine unbequeme Botschaft, die zunächst einmal aneckt, mit der er sich Feinde macht. Und schließlich meint er auch mit seiner Erhöhung keine hybride Thronbesteigung, sondern den steinigen Weg hinauf nach Golgatha und hinauf ans Kreuz.

Dorthin werden wir nicht hinkommen, ist Jesu Botschaft für uns, und ich höre mich aufatmen, denn dorthin möchte ich nun wirklich nicht. Erst, wenn Jesus all dies hinter sich gebracht hat, wenn Gottes Heilsplan vollendet ist und Jesus tatsächlich mit dem Vater regiert, werden auch wir „von unten“ so weit kommen, in Jesus den Sohn Gottes zu erkennen und an ihn glauben zu können. Gott kehrt damit die weltlichen Verhältnisse um: wer ganz oben ist, der trägt das größte Leid, wer ganz unten ist, wird erhöht. Für uns Menschen ist Jesu scharfer Ton daher Rüge und Verheißung zugleich. Eine steile Karriere, Erfolg und Ansehen, mögen angenehm sein, aber vor Gott werten sie den Erfolgreichen nicht höher als den Erfolglosen.

„Wenn ich von oben für dich ganz nach unten gegangen bin“, lautet daher Jesu Rüge, „dann achte du meinen Weg, indem du deinem Mitmenschen die Wertschätzung entgegenbringst, die Gott ihm durch seine Erlösungstat bereits geschenkt hat.“

Und dem Mutlosen, dem Kleingemachten, dem scheinbaren Verlierer verheißt er: „Du bist es Gott wert, dass er alles gibt, was er hat. Geh aufrecht, nimm deinen Kopf hoch, für mich bist du bereits ganz oben.“

In unseren Ohren müssen Jesu Worte immer beides bleiben: mal eine Rüge, mal eine Verheißung. Denn mal werden wir ihn verachten und mal werden wir ihn suchen. Aber Gott weiß um unsere Menschlickeit und hat uns dennoch seine Erlösung geschenkt. Oder wie es der Apostel Paulus in unserem Wochenspruch zusammenfasst: „Gott erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus für uns gestorben ist, als wir noch Sünder waren.“ Bei so viel Gnade können wir nur dankbar sein, dass wir nicht dort hinkommen, wo Jesus hingegangen ist, aber dennoch dort sein werden, wo er jetzt ist.
Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus.

Amen.


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© Ev. Kirche Bad Lippspringe 25.02.13