Seht auf und erhebt eure Häupter

Predigt am 2. Adventssonntag - 7. Dezember 2014

Prädikant Klaus Gronwald, Paderborn-Marienloh

I. Reihe:  Lukas 21, 25-33

Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.
Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.
Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis es alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte vergehen nicht.
(Lukas 21, 25-33)

Gnade und Friede sei mit euch, von dem, der da war, und der da ist und der da kommt. Amen.

Lieber Herr Jesus Christus, wir leiden an dieser Welt. Wir sehnen uns nach Gerechtigkeit und Frieden. Wann wirst du kommen und die Schöpfung erneuern? Damit aus Verzweiflung und Angst ein Loblied wachsen kann. Auf dich warten wir, auf dich hoffen wir. Amen.

„Und ist ein Kind geboren!“ So haben wir gerade gesungen. Ja, ist denn schon Weihnachten? Haben wir vielleicht was verpasst? Nein, es ist klar, heut ist der 2. Advent und wir haben unser Warten auf das Kommen des Herrn ganz klar ausgedrückt.

Aber dennoch ist der Satz nicht falsch und auch nicht deplatziert. Uns ist ein Kind geboren. Nämlich damals vor über 2000 Jahren im Stall von Bethlehem. Das werden wir auch wieder gebührend am 25. Dezember feiern. Worauf wir warten, ist das Wiederkommen unseres Herrn, so wie es Jesaja in den wunderschönen Worten beschreibt, die in dem Lied 20 widerklingen: „Das Volk, das noch im Finstern wandelt, bald sieht es Licht, ein großes Licht. Heb in den Himmel dein Gesicht und steh und lausche, wie Gott handelt.“

So ähnlich sagt es der Wochenspruch, der dieses Mal sogar im Evangelium, dem Predigttext für den heutigen 2. Advent, verwurzelt ist. Wir haben ihn schon mehrfach gesungen: „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.“

Aber was macht Lukas da? Er erzählt uns zuvor von Brausen und Wogen des Meeres, die Menschen werden vergehen vor Furcht, die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Untergangsstimmung statt Erlösung!? Vergehen statt Erneuern!? Nein, nicht schon wieder Apokalypse. Wir haben diese furchterregenden Texte schon am Ende des Kirchenjahres zur Genüge gehört. Ich will sie jetzt im Advent nicht schon wieder verinnerlichen. Es sträubt sich etwas in mir, das nicht annehmen will, dass Gott zur Erneuerung der Welt die Zerstörung braucht. Er hat uns nach der ersten großen Zerstörung durch die Sintflut immerhin versprochen, dass so etwas nie wieder erfolgen soll. Und seine Verheißungen bedeuten auch die Erfüllung.

Aber – sehen wir uns in der Welt um: Wir zählen zur Zeit mehr als 40 Kriegen in der Welt. Es wird wieder um der Religion willen zerstört und getötet. Die Armut wächst, sogar in den Industrieländern. Ein paar wenige Reiche teilen den Profit unter sich auf, und die übrige Bevölkerung wird förmlich abgespeist. Arbeit in unserem Land wird nicht mehr dem Wert entsprechend honoriert, weil sonst der Reibach für die Aktionäre nicht mehr stimmt. Millionen von Menschen sind vom Hunger bedroht, weil ihnen das wenige, das sie haben, auch noch genommen wird. Der Erwerb von Lebensmitteln ist ihnen oft unmöglich, weil sie diese nicht mehr bezahlen können. Spekulanten treiben ihr Spiel sogar mit Lebensmitteln, weil dadurch der Preis höher wird. Es ist eine Schande, dass wertvolles Getreide in Automotoren verheizt wird, damit die Reichen in ihren Sänften dahingleiten können, während immer weniger in den armen Ländern ankommt. Und auch Medikamente sind für viele unbezahlbar. Da wird sehenden Auges zugelassen, wie eine Seuche nach der anderen wieder aufersteht und es wird dem nichts entgegen gesetzt durch die, die es könnten. Ein paar lächerliche Alibimillionen werden losgeschickt, und auch die werden von gerissenen Zwischenhändlern abgegriffen. Ist das nicht Apokalypse? Ist das nicht ein Zeichen, das Jesus meint, wenn er sagt: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst ihr, dass das Reich Gottes nahe ist.

Auf die Zerstörung der Welt brauchen wir nicht lange zu warten. Das wird gerade erledigt. Es gibt immer noch Menschen, die glauben, das mit der Erderwärmung sei ein Märchen. Man will den Menschen damit nur einen Schrecken einjagen. Angesichts dessen, dass dieses Jahr das wärmste in der Geschichte der Wetterdatenaufzeichnung werden wird nach zahlreichen anderen in der jüngeren Vergangenheit, ist das eine gefährliche Verharmlosung. Die Malediven wird es bald nicht mehr geben, das Eis an den Polen wird auch immer weniger, der Meeresboden steigt, die Unwetter werden heftiger und zahlreicher. Ist das nicht Apokalypse? Ist das nicht ein Zeichen, das Jesus meint, wenn er sagt: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst ihr, dass das Reich Gottes nahe ist.

Dabei haben wir noch gar nicht die vielen Kriege im Blick gehabt. Sie zerstören nicht nur Lebensraum, sie töten nicht nur Menschen. Sie produzieren millionenfach Leid durch Flucht und Vertreibung. Sie zerstören die Umwelt in einer Weise, die nicht zu beschreiben ist. Wir versuchen, jeden leeren Yoghurtbecher der Verwertung zuzuführen und trennen sorgfältig unseren Müll, und da wird nichts drum gegeben, wie viel schädliche Gase in die Luft abgegeben werden, die Luft, die die Menschen atmen sollen?

Aber schauen Sie sich um in unserer überschaubaren Gegend: Wie viel an zerstörerischem Potenzial wäre vermeidbar. Muss denn jeder noch so kurze Weg mit übergroßen PKW durchgeführt werden? Können die Brötchen nicht zu Fuß oder mit dem Rad vom Bäcker geholt werden? Es ist statistisch bewiesen, dass der größte Teil aller Autofahrten kürzer als zwei Kilometer ist. Ein ausgewachsener Baum benötigt eine Woche, um 650 Liter Sauerstoff abzugeben. Das ist genau die Menge, die ein PKW innerhalb eines gefahrenen Kilometers verbraucht. Und dennoch werden Bäume einfach, scheinbar gedankenlos abgeholzt, weil sie im Weg sind, weil sie Schatten werfen, weil das ständige Laubfegen im Herbst lästig ist. Wir brauchen nicht erst auf den Regenwald zu schauen, hier findet das Baumsterben genauso statt. Die wunderschöne alte Linde vor dem Schloß in Neuhaus wurde einfach mal so gefällt. Und solche Gedankenlosigkeit gefällt mir gar nicht.

Anstatt Auswege zu suchen aus der immer weiter um sich greifenden Zerstörung wird dann erwogen, noch tiefer zu graben und zu bohren, um an die fossilen Brennstoffe zu kommen, die unsere Bequemlichkeiten unterstützen. In unseren Bereichen mit Kur- und Bäderbetrieben ernsthaft über Fracking nachzudenken, verachtet jegliches Bemühen der Menschen, die hier leben, um mehr Lebensqualität. Ist das nicht Apokalypse? Ist das nicht ein Zeichen, das Jesus meint, wenn er sagt: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst ihr, dass das Reich Gottes nahe ist.

Es bedarf keiner Zerstörung mehr zum Ende aller Zeiten. Bis dahin hat es die Menschheit selbst besorgt. Ich sehe in allem eine schleichende Apokalypse, die wie ein Krake mit allen Armen weiter um sich greift und unsere Erde immer mehr in die Unbewohnbarkeit bringt.

Aber halt! Zerstörung ist nicht die Botschaft, die Lukas bei uns stehen lassen will. Das Reich Gottes, darauf kommt es an, das Reich Gottes ist nahe! Das Reich Gottes kann auch die grässlichste Zerstörung verkraften, weil Gott handelt, weil er erneuert, weil er erlöst.

Es geschehen auch andere Zeichen und Wunder. Sie kommen wohl nicht so spektakulär daher wie die anderen. Sie spielen sich meist im kleinen Rahmen ab. Ich bewundere die Menschen, die ihre eigene Karriere verwerfen, um anderen Menschen, die diese Leistungen niemals bezahlen könnten, zu helfen. Denken Sie an berühmte Namen wie Albert Schweitzer, Hermann Gmeiner, und viele viele andere. Ich bewundere in der heutigen Zeit die Arbeit der Ärzte ohne Grenzen, wie sie sich nennen, die in ihrer selbstlosen Mission auch den Ebola-Kranken helfen. Aber auch in unseren Bereichen ist der Wille zum Helfen sehr ausgeprägt. Zahlreiche Menschen schenken ihre Zeit und stellen sich und ihre Kraft anderen Menschen kostenlos zur Verfügung, um Not zu lindern. Da finden sich Menschen in Krankenhäusern, Hospizen und Heimen, die den Kranken wieder Mut machen, die auch ihr Leid teilen und mit ihnen weinen. Da gibt es die Tafeln, die anderen Menschen bei der Versorgung helfen, die für sich selbst nicht ausreichend sorgen können. Ich müsste noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen, um all das anzusprechen, was in der Weise an armen und kranken Menschen getan wird. Sind das nicht auch Zeichen? Aber nicht für Apokalypse, sondern für den Beginn des Reiches Gottes. Jesus sagt selbst: Das Reich Gottes ist mitten unter euch. Dort ist es zu finden.
In dem Maße, in dem die Zerstörungszeichen wachsen, wächst auch der Wille zur Bewahrung der Schöpfung. Menschen, die das ernst nehmen, was Jesus in der Bergpredigt fordert, setzen Zeichen dagegen. Und die kann niemand so leicht übersehen. Ihnen kommt Jesus zu Hilfe, mit seinem Geist und seinem Wort, ihnen gibt er Kraft in seinem Sakrament, in Brot und Wein. Menschen, die Jesus nachfolgen wollen, sagt er dieses Erlösungswort: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Solange die Erde steht, soll nicht aufhören Saat und Erde, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht. Das ist Gottes Verheißung, die er Noah nach der Sintflut gegeben hat. Und wenn die Erde nicht mehr steht, dürfen wir uns in seiner Gegenwart befinden, denn das Alte ist dann vergangen, Neues ist geworden. Und dieses Neue wird sich zeigen an den winzigen Zeichen und Spuren, die Menschen hinterlassen, die der Zerstörung entgegenwirken. Und spätestens dann ist das Kommen des Herrn wahr geworden. Dann werden wir ihn sehen von Angesicht zu Angesicht. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.

Wir werden noch warten müssen, bis sich das alles erfüllt. Aber warten heißt auch, gespannt sein auf das, was kommt. Gespannt sein auf den, der da kommt. Darum: seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

Amen.

Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.



 

 

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